Tut uns in Zukunft weniger weh?


Chronische Schmerzen Immer häufiger verselbstständigen sich Leiden. Neue Erkenntnisse und Technik können Betroffene helfen

Hopfen am See Schmerzen nehmen als Problem weltweit zu. Gemeint sind chronische Leiden, bei denen sich die Schmerzen verselbstständigt haben und so ein eigenes Krankheitsbild darstellen. Betroffene sind Industriestaaten, gleichermaßen wie Entwicklungsländer – es handelt sich also nicht um ein „Luxusproblem“. Doch ebenso macht die Forschung große Fortschritte: In der Bildgebung beispielsweise, oder was die komplexen Zusammenhänge mit Neurologie, Psychologie und Immunsystem betrifft. Ebenso gelingt es zunehmend, die genetische Vorbelastung zu bewerten und mit all diesen Informationen zu verstehen, wer wann Schmerz entwickelt. Dr. Klaus Klimczyk und Dr. Martin Steinberger sind im Allgäu Fachleute. Klimczyk baute 1999 als Chefarzt das Interdisziplinäre Schmerzzentrum der Klinik Enzensberg auf, Steinberger ist sein designierter Nachfolger. Die beiden Chefärzte berichten über die jüngsten Entwicklungen darüber, was die nahe Zukunft der Schmerztherapie bringen könnte.

„Ich glaube, dass Schmerz und auch seine Unterdrückung in unserem Gehirn stattfindet“, sagt Klimczyk. Er und Steinberger sind sicher, dass die Therapie eine richtige Mischung aus Wissensvermittlung, körperlicher und psychologischer Arbeit und gegebenenfalls den Einsatz von Medikamenten erfordert. Dabei sprechen sie von der interdisziplinären mulitmodalen Schmerztherapie. Zwar sei jeder Fall individuell zu betrachten. Dennoch helfe es, die Patientinnen und Patienten in Gruppen einzuteilen – ein Konzept, das bereits angewandt wird. Klimczyk nennt zwei stark vereinfachte Beispiele: „die fröhlichen Durchhalter und die depressiven Vermeider.“ Das Konzept wird immer präziser, sodass mehr Behandlungsansätze für verschiedene Gruppen entstehen. Diese lassen sich dann schneller an die jeweilige Person anpassen.

Zermürbende Praktiken

Stress, durch zunehmende Belastung in Beruf und Freizeit, begünstigt Schmerzen. „Die Idee, dass in der Wirtschaft immer mehr mit immer weniger Mitteln erreicht werden soll, scheint die Menschen zu zermürben“, sagt Steinberger. Gleiches gelte für Ausgrenzung, beispielsweise durch Mobbing. „Das alles führt zu nachweisbaren Hirnveränderungen, die sich in Schmerzen ausdrücken können“, erläutert er weiter. Klimczyk ergänzt, dass das Internet und dessen ständige Verfügbarkeit Menschen mit Reizen überflutet. Oft geraten sie in einen Strudel der Desinformation: Betroffene suchen ihre Leiden im Netz und Algorithmen sorgen dafür, dass ihnen noch mehr- häufig fragewürdige – Beitrage dazu angezeigt werden. „Das alles erzeugt innere Spannung, diese geht in die Muskulatur und verursacht Schmerzen“, erläutert er weiter. Das Gleiche gelte für Angst. Steinberger fügt an, dass weniger Bewegung und damit schwächere Muskeln das Problem verschärfen: Denn Muskeln produzieren schmerzlindernde Substanzen und stimulieren das Immunsystem. Hinter all dem steckt, dass Schmerz uns als Warnzeichen eigentlich schützt. Ein Beispiel: Ein starker Muskelkater beim Sport warnt dem Köper, dass noch mehr Belastung zu Verletzungen führen könnte. Mediziner sprechen von der Gewebetoleranzschwelle, die überschritten sei, und der Gewerbestörungsschwelle, die sehr viel höher liegt. Erste lässt sich durch Training verschieben. Dazu reicht es, wenn dieses etwa ein Drittel unter der eigenen Belastungsgrenze (Gewebetoleranzschwelle) bleibt. Umgekehrt wart der Körper schneller mit „Schmerzen“, wenn die Schelle durch zu wenig Bewegungen sinkt. Die Zukunft sehen die beiden Mediziner darin, ambulante (teil)stationäre Therapie besser zu verbinden. Dabei können moderne Kommunikationsmittel helfen: Apps sammeln schon jetzt Daten: Wann schmerzt es? Wie heftig? Und wie wirken die Medikamente? Diese Infos gelangen mittels gesicherte Übertragung zu den Schmerztherapeuten – bald womöglich sogar in Echtzeit.

Video-Sprechstunden können zudem helfen, Menschen nach einer stationären Behandlung weiter zu begleiten. „Aber sie können den echten menschlichen Kontakt nicht ersetzen“, sagt Klimczyk. Denn Heilung  beginne im Kopf. Damit, sich gut aufgehoben und ernst genommen zu fühlen sowie Menschlichkeit zu spüren. An diesem Konzept werde sich trotz digitaler Hilfsmittel wie virtueller Realität nichts ändern.

Im Gegenteil: Menschen sollen bereits ärztliche Hilfe finden, wenn die Schmerzen beginnen zu chronifizieren. Also schon lange vor einem möglichen stationären Aufenthalt. Die Schmerzmediziner hat laut Steinberger zwar ein Nachwuchsproblem. Doch erkenne er fördere die Politik eine bessere Versorgung. Seit 2013 müssen angehende Ärztinnen und  Ärzte mindestens einen Kurs über chronische Schmerzen belegen. Die Mediziner von morgen sollen die Menschen zu deutlich mehr ambulanten Schmerz-Spezialisten schicken können. Die Allgäuer Chefärzte hoffen auf ein Paradoxon: Die Schmerzmedizin soll durch die „vollumfassende Betrachtung von Seele und Körper“ bewirken, dass weniger Medizin benötigt wird. Das würde zu mehr Lebensqualität und weniger Folgeerkrankungen führen.

 

Therapien im Wandel der Zeit

Behandlungen haben sich bewährt, andere gelten als überholt

Hopfen am See Die Medizin hat sich im Lauf der Geschichte stets gewandelt und mit ihr auch die Sicht auf Schmerzen. „In der Antike hatten die Menschen eine deutlich philosophischere Sicht darauf“, sagt Dr. Klaus Klimczyk, Chefarzt der Fachklinik Enzensberg. Schließlich ist die aristotelische Mitte noch heute ein geflügeltes Wort und bezeichnet Übermaß wie Mangel gleichermaßen als Laster. Im Mittelalter dagegen sahen viele Schmerzen als eine Straße Gottes an.

In der Neuzeit schließlich spaltete sich die psychologische Komponente immer mehr ab und Medizin wurde zunehmend als etwas rein Körperliches betrachtet - auch der Schmerz. Klimczyks Kollege und Nachfolger Dr. Martin Steinberger erläutert, dass die 1950er-Jahre die Hochzeit neurodestruktiver Verfahren waren. Das heißt, dass Bahnen unterbrochen wurden, um Schmerzen zu beseitigen. Dies hatte jedoch zahlreiche Nervenschäden zur Folge. Zudem blieb der Schmerz durch seine Verankerung im Gehirn trotz gekappter Verbindungen in zahlreichen Fällen bestehen.

Kritischer Blick auf Spritzen

Bereits 1947 wurde die erste Schmerzklinik der Welt im US-Bundesstaat Washington gegründet. In Deutschland etablierte der Mainzer Professor Dr. Hans Ulrich Gerbershagen die Schmerzmedizin 1981. Bei ihm lernte auch Klimczyk. Mit der Zeit kamen die bildwandlergesteuerten Spritzen auf, die noch heute verabreicht werden. Steinberger und Klimczyk sehen dies Injektionen mithilfe von Röntgenbildern kritisch: „Akut lassen sich Schmerzen damit unterdrücken, aber sie gehen nicht einfach weg, das funktioniert nicht. „Seit einigen Jahren betrachtet die Medizin den Menschen wieder stärker als Ganzes, als eine bio-psycho-soziale Einheit. Daher ist ein ganzes Team aus verschiedenen Fachrichtungen wie Psychologie, Physiotherapie und mehr gefragt, um Schmerzen zu behandeln. „Die Zeit des Arztes als Allwissenden gibt es bei uns schon lange nicht mehr“, sagt Klimczyk. Jeder sei wichtig, das gelte auch für das Reinigen, Kochen und alles , was dafür sorgt, dass sich Menschen gut aufgehoben fühlen. Erst 2017 wurde Cannabis als Medikament freigegeben. Steinberger kritisiert jedoch, dass es Rezepte ohne spezielle Diagnose gibt. Das hätte zu Missbrauch geführt. Er und Klimczyk sehen in Cannabis kein gutes Akutschmerzmittel. Allerdings plädieren sie dafür, dass Potenzial als nebenwirkungsarme Optionen in Therapiespektrum bei chronischen Schmerzen zu sehen und verstärkt wissenschaftlich zu untersuchen.

Mit freundlicher Genehmigung der Allgäuer Zeitung

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