Wenn man das Schicksal annimmt


Füssen/Lechbruck
Erst geht es den steilen Faulenseeweg hinunter, anschließend in einen Feldweg hinein. Ach die Wiese am Rand und die Bordsteinkante nimmt Florian Fischer mit. Der 44-jährige Lechbrucker schont die Rollstuhl-Neulinge der Fachklinik Enzensberg wenig. Schließlich sitzt der Querschnittsgelähmte selbst seit 24 Jahren in einem solchen Hilfsmittel und weiß: „Im Alltag begegnet einem alles Mögliche, das man bewältigen muss.“
Seit November 2020 arbeitet Fischer als Rollstuhl-Coach in der Reha-Klinik in Hopfen am See und bringt Frischverletzten, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, die Tricks des Fahrens bei. „Das ist eine Neuerung, bisher hatten wir kein solches Angebot für Patienten“, sagt Alexander Heim, kaufmännischer Direktor der m&i-Fachklinik Enzensberg. Seit vielen Jahren sei aber der Erfahrungsaustausch zwischen Patienten bereits Teil der Therapie. Positiv bei der Zusammenarbeit mit einem Rollstuhlfahrer sieht Heim die Beratung auf Augenhöhe. Gespräche unter Betroffenen würden viel authentischer wahrgenommen. Sie unterstützen bei der Krankheitsbewältigung und helfen positiver in die Zukunft zu sehen.
Die gleiche Hilfestellung, wie jetzt im Enzensberg, gibt Fischer bereits seit zehn Jahren Frischverletzten in der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik Murnau. Dort läuft das Ganze über eine Kooperation zwischen dem Rollstuhlsportverein (RSV) Murnau, dessen Vorsitzender Fischer ist, und der Klinik. Die Verbindung nach Murnau entstand über seinen eigenen Aufenthalt dort. Der 44-Jährige hatte mit 19 Jahren einen Skiunfall. Seit dem ist er querschnittsgelähmt. Aber auch er hatte jemanden, der ihm zurück in den Alltag half. Er erinnert sich noch gut, wie dieser Rollstuhlfahrer – heute ist es ein Freund – etwa drei Monate nach seinem Unfall an seinem Krankenbett auftauchte. „Er hat mich da quasi rausgerissen und mich zum Basketball gebracht“, erzählt Fischer. Erst habe er darauf keinen Bock gehabt. Im Nachhinein betrachtet aber war es der richtige Anstoß – und den will er anderen ebenfalls geben: „Ich möchte sie mental und praktisch unterstützen und ihnen zeigen, dass das Leben weitergeht.“
Seine Arbeit im Enzensberg sieht Fischer auch deshalb als wichtig an, weil Patienten immer früher aus Akutkliniken in Reha-Einrichtungen entlassen werden. „Ich war nach meinem Unfall vor 24 Jahren noch ein halbes Jahr in der Klinik. Mittlerweile sind es oft nur noch ein paar Wochen“, sagt der Lechbrucker. Dadurch fehle auch der Zusammenhalt unter den Patienten. „Bei mir waren damals zeitgleich acht junge Skifahrer in Murnau. Da zieht man sich gegenseitig hoch. So etwas fehlt heute oft“, berichtet er.
Laut Heim ist der medizinische Fortschritt Ursache für die früheren Entlassungen. „Neue Operationstechniken und Materialen machen eine schnellere Belastung nach größeren Eingriffen möglich und erlauben eine frühere Übernahme in die Rehabilitation“, sagt er. Dadurch gewinne die Vernetzung von Akut- und Rehakliniken noch mehr an Bedeutung. Gepflegt worden sei sie aber schon immer. Mit der Murnauer Klinik etwa arbeitet man im Enzensberg bereits seit Jahrzehnten eng zusammen.

Versorgungslücke geschlossen

„Die neuste Kooperation ist die unfallchirurgisch-orthopädische Frührehabilitation und hilft Mehrfachverletzten und Patienten nach Polytrauma schneller und besser zurück ins Leben“, sagt Heim. War früher eine Anschlussheilbehandlung nicht immer direkt nach der Behandlung im Krankenhaus möglich, können Patienten jetzt direkt nach ihrem Akut-Aufenthalt in die Frühreha. Damit schließe die Flachklinik Enzensberg eine Versorgungslücke mit dem Ziel, die Mobilität schnellstmöglich wiederzuerlangen.
Wie viel Bewegungsfreiheit und Erfolg mit einem Rollstuhl möglich sind, das zeigt Fischers Leben eindrucksvoll. Ihn brachte der Rollstuhl an Orte, die er ohne niemals erreicht hätte. 2008 war er mit der deutschen Rollstuhl-Basketballmannschaft, für die er von 2004 bis 2011 spielte, bei den Paralympics in Peking. „Das war ein Highlight, das es ohne Rollstuhl nie gegeben hätte“, sagt er. Gerne erinnert er sich auch an den dritten Platz bei der Europameisterschaft im eigenen Land. Diese Erfolge nutzt er, „um den Leuten nach einem Unfall aufzuzeigen, was das Leben bieten kann, wenn man sein Schicksal annimmt“.
20 Jahre lang war Fischer im Rollstuhl-Basketball aktiv, spielte für den USC München in der Bundesliga. 2013 beendete er seine Spieler-Karriere, machte den Trainerschein. Zwei Jahre war er Landes-Trainer in Bayern und bis 2020 Co-Trainer beim RBB München. Jetzt werde es Zeit für etwas anderes.
Neben seinem neuen Job im Enzensberg, ist Fischer aber weiter an Schulen unterwegs. Dort zeigt er – wenn nicht gerade Corona ihn ausbremst – seit 15 Jahren Kindern, dass sie keine Berührungsängste mit Rollstuhlfahrern haben müssen. In Rollstühlen, die er mitbringt, können die Schüler ausprobieren, wie es ist, damit vorwärtszukommen.
Letzteres Lernen auch seine Patienten im Enzensberg, wenn sie mit ihm die Faulenseestraße runter- und wieder hochrollen. Möglichst viel Selbstständigkeit, wie sie ihm selbst wichtig ist, ist die eine Sache, die Fischer ihnen damit schenken will. Andererseits betont er aber auch, dass man Hilfe annehmen sollte. Er zum Beispiel lässt sich bei der Hausarbeit von einer Helferin des Bürgervereins am Lech unterstützen. Sie kümmert sich um Dinge, die er schwer erledigen kann – zum Beispiel Böden wischen oder Fenster putzen.

Mit freundlicher Genehmigung der Allgäuer Zeitung

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